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Archäobotanik und Vegetationsgeschichte in Südwest-Kamerun

Einleitung

Die archäobotanischen Arbeiten in Kamerun - in Kooperation mit den Archäologen der Universität Tübingen - hatten zum Ziel, die Entwicklung des Bodenbaus und die Umweltveränderungen im ersten Jahrtausend v. Chr. besser zu verstehen. Vermutungen über den Zusammenhang zwischen einer Klimakrise im ersten Jahrtausend v. Chr. und der Ausbreitung Bantu-sprechender Bevölkerungsgruppen nach Zentralafrika gab es bereits in den frühen 1990er Jahren. Jedoch fehlten die archäologischen und archäobotanischen Belege. Über die Wirtschaftsweise der ersten Keramik herstellenden Gruppen im Regenwald war fast nichts bekannt. Auf Grund von linguistischen Rekonstruktionen nahm man jedoch an, dass sie Knollenpflanzen und Kochbananen anbauten.

Wechselfeldbau im Regenwald von Süd-Kamerun

In Kooperation mit der geographischen Arbeitsgruppe von Prof. Runge (Projekt ReSaKo) wurden außerdem Bohrkerne aus den Tälern der Flüsse Ntem, Sanaga und Nyong auf Pollen und Phytolithe untersucht. Besonders wichtige Ergebnisse lieferten das Pollenprofil von Nyabessan (erstes Jahrtausend v. Chr.) und zahlreiche Bohrkerne, die Material aus dem Zeitraum des letzten glazialen Maximums (LGM) enthielten.

Erstes Jahrtausend v. Chr.: Bantu-Einwanderung und Klimakrise

Ein ganz neues und unerwartetes Bild ergab sich aufgrund der Untersuchungen von zahlreichen Früchten, Samen, Holzkohlen und Phytolithen, die aus Grubenfundplätzen geborgen werden konnten. Verkohlte Früchte der Perlhirse (Pennisetum glaucum), einer typischen Kulturpflanze der trockenen Savannen, wurden in zwei Fundplätzen aus der zweiten Hälfte es ersten Jahrtausends v. Chr.  nachgewiesen. In einem Fundplatz wurde mit der Bambara-Erdnuss (Vigna subterranea) außerdem eine weitere Kulturpflanze der Savanne gefunden. Nach linguistischen Daten ist es sehr wahrscheinlich, dass die Perlhirse mit Bantu sprechenden Einwanderern in den Regenwald Zentralafrikas kam. Sie kamen aus den nördlicher gelegenen Savannenregionen, aus denen sie auch ihre Kulturpflanzen mitbrachten.

Aber wie war der Anbau von Savannenpflanzen möglich? Unter dem heutigen immerfeuchten Klima gedeiht Perlhirse im Südwesten Kameruns nicht mehr, im ersten Jahrtausend v. Chr. aber ermöglichte eine Klimaänderung für mehrere Jahrhunderte ihren Anbau: Bei gleichzeitig unverändert hohen Jahresniederschlägen wurden die jährlichen Trockenzeiten nach 500 v. Chr. länger und intensiver. Die zunehmende Saisonalität wird im Pollendiagramm von Nyabessan deutlich: Pionierwälder mit Trema orientalis, einer Pionierart, die auch längere Trockenzeiten gut überstehen kann, ersetzten zum Teil die immergrünen Regenwälder, weiträumige Savannen entstanden allerdings nicht. Weder im Pollenprofil noch in den archäologischen Holzkohleproben sind eindeutige Savannenarten zu finden. Vermutlich herrschte ein Mosaik aus Primär- und Pionierwäldern, Grasvegetation gab es wohl vor allem im Siedlungsbereich.

Der Klimawandel und die veränderte Vegetation boten den Siedlern gleich mehrere Vorteile. Zum einen war die Trockenzeit lang und ausgeprägt genug, um erfolgreich Perlhirse anzubauen. Zum anderen ließen sich die Pionierwälder für die Anlage von Feldern leichter roden als ein Wald mit Urwaldriesen. Ein dritter Vorteil ergab sich durch die Artenzusammensetzung des Pionierwaldes, der viele lichtliebende Baumarten, wie etwa Ölpalme (Elaeis guineensis) und Canarium schweinfurthii, enthielt. Fruchtreste dieser ölliefernden Pflanzenarten finden sich in großer Zahl in den archäologischen Fundplätzen.

Archäobotanische Probennahme aus Süd-Kamerun

Erstes Jahrtausend n. Chr.

Das Anbausystem mit Perlhirse blieb nicht mehr als eine Episode von etwa 200 bis 400 Jahren in der Besiedlungsgeschichte des zentralafrikanischen Regenwalds. Gegen Ende des ersten Jahrtausends v. Chr. veränderte sich das Klima erneut und der Regenwald erholte sich. Aufgrund nun wieder kürzerer Trockenzeiten konnte Perlhirse nicht mehr angebaut werden. Als Grundnahrungsmittel ersetzten vermutlich Knollenpflanzen das Getreide. Der Beleg für diese Hypothese steht aber noch immer aus. Trotz intensiver Suche in den Sedimentproben aus den archäologischen Grubenfundplätzen konnte bisher auch kein Nachweis für den Anbau von Bananen erbracht werden.

Spätpleistozäne Vegetations- und Landschaftsgeschichte des zentralafrikanischen Regenwaldes

Multi-Proxydaten aus dem Bohrkernen der drei Flüsse Ntem, Sanaga und Nyong, datiert zwischen 22.4 und 13.0 ka, belegen die wechselvolle Geschichte des zentralafrikanischen Regenwaldes während der letzten Eiszeit. Phytolithe und Schwammnadeln geben Auskunft zu Überschwemmungsereignissen und zur Vegetation in den Flusstälern. In den Einzugsgebieten von Nyong und Sanaga waren Landschaft und Vegetation instabil, Buschbrände waren häufig. Während an Sanaga und Nyong Wald-Savannen-Mosaike und Galeriewälder mit Bambus vorherrschten, hielten sich im Gebiet des Ntem geschlossene Regenwaldrefugien. Obwohl nach 16.4 ka die Niederschläge zunahmen, verlagerten sich die Flussläufe häufig in der offenen Landschaft, vermutlich in Folge von kurzzeitigen Klimafluktuationen. Erst im Holozän, ab ca. 11.5 ka, stabilisierten sich Flüsse und Vegetation, und es entstand wieder ein geschlossenes Regenwaldgebiet.

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Publikationen

Höhn, A., S. Kahlheber, K. Neumann & A. Schweizer (2007): Settling the rain forest – the environment of farming communities in Southern Cameroon during the first millennium BC. - In: Runge, J. (ed.): Palaeoecology of Africa 28. London (Taylor & Francis), 29-41. pdf

Kahlheber, S., Höhn, A. & K. Neumann (im Druck): Plant use in southern Cameroon between 400 BC and 400 AD. - In: Fuller, D. & M.A. Murray (eds.): Flora, Past Cultures and Archaeobotany in Africa. Walnut Creek (Left Coast Press).

Kahlheber, S., Bostoen, K. & K. Neumann (2009): Early plant cultivation in the Central African rain forest: first millennium BC pearl millet from South Cameroon. - Journal of African Archaeology 7(2): 253-272.

Neumann, K. & E. Hildebrand (2009): Early bananas in Africa: The state of the art. - Ethnobotany Research and Applications 7: 353-362. pdf

Neumann, K., K. Bostoen, A. Höhn, S. Kahlheber, A. Ngomanda & B. Tchiengué (2011, im Druck): First farmers in the Central African rainforest: A view from southern Cameroon. Quaternary International, doi:10.1016/j.quaint.2011.03.024

Ngomanda, A., K. Neumann, A. Schweizer & J. Maley (2009): Seasonality change and the third millennium BP rainforest crisis in Central Africa: a high resolution pollen profile from Nyabessan, southern Cameroon. - Quaternary Research 71, 307-318.

Sangen, M., K. Neumann & J. Eisenberg (im review): Climate induced fluvial dynamics in tropical Africa around the LGM? Alluvial sediments, phytoliths and sponge spicules from southern Cameroon. - Quaternary Research.

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